Mit ihrem Zyklus „Boatpeople“ fängt die in Berlin und Köln lebende Fotokünstlerin Bettina Flitner unterschiedliche Lebenssituationen ein. 2007, Lambdaprint, 30 x 36 Zentimeter, Auflage: 20 Exemplare, 480 Euro.

Capital 21/2007

Inszenierte Dokumentation

Mit ihrem überdimensionalen Straßeninstallationen, zeitkritischen Projekten und Frauenporträts löste Bettina Flitner heftige Reaktionen aus. Jetzt ist sie unterwegs zu neuen Ufern.


In den neuen Räumen der Galerie Heinz Holtmann (www.galerie-holtmann.de) am Kölner Rheinauhafen liegt eine 40 Zentimeter breite und 580 Zentimeter lange Barke. Diesen blaugrünen archaischem Nachen entdeckte Bettina Flitner in Myanmar, kaufte ihn für 20 Dollar und ließ ihn in einer einjährigen Odyssee nach Köln transportieren. „Als das Boot ankam, war meine neue Arbeit im Kopf fertig.“ Über ein Jahr lang inseznierte die Künstlerin daraufhin ihre poetischen wie humorvollen Fotobilder. Hauptakteur jeder Szene ist das Fundstück aus Myanmar, jedoch mit wechselndem Personal: So entdeckt man ein karnevalistisches Dreigestirn, eine Beerdigungsszene oder eine ironische Schwansee-Einlage mit anmutigen Ballettratten.

Mit theatralischem Gespür gestaltet die 1961 Geborene Szenarien, die eine Flut von Assoziationen auslösen. „Das Geschichtenerzählen“, erklärt Flitner, „ist wahrscheinlich von meiner Filmarbeit übrig geblieben.“ Ausgebildet als Cutterin, studiert sie von 1988 bis 1993 an der Berliner Filmhochschule Regie. Nach etlichen Filmprojekten entdeckte sie ihre Passion für die Fotokunst, vor allem aber dür amerikanische Kollegen wie Diane Arbus und die Verwandlung skünstlerin Cindy Sherman. „Ich arbeite in Genres, die sich gegenseitig befruchten.“

Seit 1992 besetzt Flitner auch den öffentlichen Raum, etwa die Kölner Innenstadt oder den Berliner Lustgarten. Die Emma-Aktivistin provoziert mit überdimensionalen, unter die Haut gehenden Fotoserien wie „Mein Feind“, „Mein Herz“, „Mein Denkmal“, die sie mit Zitaten der Porträtierten kombiniert. Im März dieses Jahres eröffnete Angela Merkel in Brüssel Flitners Wanderausstellung mit dem Titel „Europäerinnen“. Merkel: „Mit ihrem klaren Blick und ihrer Kamera als Arbeitsinstrument schaut sie sozusagen in die Persönlichkeiten hinein.“ Zuvor hatte die Parade eindringlicher Porträts von 65 Politikerinnen, Unternehmerinnen, Künstlerinnen und Journalistinnen schon in Madrid, Tampere und Berlin zahlreiche Neugierige angelockt.

Mit ihren neuen Arbeiten aus dem Zyklus „Boatpeople“ bewegt sich die geborene Kölnerin elegisch zwischen Abschied und Ankunft. Die Preise sind erschwinglich, gemessen an Flitners Reputation und am teuren Material. Die Lichtbilder liegen bei 1800 Euro (60 x 71 Zentimeter), Auflage: fünf Exemplare) und 3500 Euro (90x120 Zentimeter, Auflage: drei Exemplare). Die großen Formate (130 x 180 Zentimeter) sind für 8500 Euro im Angebot. Die gerahmte Edition (30 x 36 Zentimeter, Auflage: 20 Exemplare) mit der Kölner Rautenstrauch-Familie an Bord der Barkass ist bei der Galerie Holtmann für nur 480 Euro zu erwerben.

Linde Rohr-Bongard

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